Berufsschule hat fast konstante Schülerzahlen

Verschiebungen zwischen den Branchen – Unterrichtsangebot vor Ort oft wichtiges Kriterium bei Wahl des Ausbildungsplatzes

Viele Betriebe klagen zurzeit über einen Mangel an geeigneten Bewerbern für ihre Ausbildungsplätze. Die Ursachen dafür liegen einerseits in der demografischen Entwicklung mit immer weniger Jugendlichen, zum anderen am anteilsmäßig zunehmenden Besuch der Gymnasien und der daraus resultierenden stärkeren Frequentierung der Hochschulen. Das schlägt sich fast überall im Land auch auf die Schülerzahlen der Berufsschulen nieder. Überraschend bleibt die Harald-Fissler-Schule, die seit vergangenem Jahr die Berufsbildenden Schulen Technik und Wirtschaft in Idar-Oberstein in sich vereint, von diesem Trend noch weitgehend verschont – sie hat nach einem Einbruch vor rund zehn Jahren um etwa 300 Schüler seitdem fast kon-stante Zahlen, die um die 1200 Berufsschüler liegen.
„Wir wundern uns selbst darüber“, erklärt Schulleiter Gerd Zimmermann. „Das geht eigentlich gegen den allgemeinen Trend der Akademisierung, bei dem die Verweildauer auf den allgemeinbildenden Schulen zugenommen hat und es die jungen Menschen stärker zu den Universitäten und in die Großstädte zieht.“ Auszubildende sind nach Zeiten eines dauerhaften Wirtschaftswachstums gefragter denn je, von daher kommen auch immer mehr Schulabgänger in die komfortable Situation, sich einen Beruf den eigenen Wünschen gemäß aussuchen zu können.
Darunter haben vor allem Betriebe zu leiden, die wenig gefragte Stellen anzubieten haben, was sich dann entsprechend in den Berufsschülerzahlen niederschlägt. So gibt es in allen drei Lehrjahren heute nur noch 28 Schüler, die Bäcker oder Bäckereifachverkäufer lernen, 2013/14 waren es mit 57 noch mehr als doppelt so viel. Auch bei den Fleischern und Fleischereifachverkäufern hat sich die Zahl der Berufsschüler seit 2013/14 von 36 auf 28 reduziert, bei den Friseuren von 34 auf 27. Aber auch bei „Schreibtischberufen“ wie Industriekaufleuten sank die Zahl von 72 auf 46.

Anforderungen wachsen stetig

Ähnliches gilt auch für das Hotelfach, wo die Zahl der Azubis im gleichen Zeitraum von 48 auf 38 gesunken ist. „Gerade bei solchen eher als unattraktiv wahrgenommenen Berufen wie Bäcker oder Fleischer ist es wichtig, die Berufsschule am Ort anzubieten“, betont Zimmermann. Angesichts eines oft problematischen ÖPNV sei das für viele ein wichtiges Kriterium bei der Berufswahl, weiß der Schulleiter.
„Vor allem im Handwerk und in der Industrie sind die Anforderungen an die Azubis stark gestiegen“, berichtet der stellvertretende Schulleiter Markus Müller. „Die Digitalisierung – Stichwort: Industrie 4.0 – ist die Vernetzung und elektronische Steuerung von Maschinen immer wichtiger geworden. Dadurch muss heute einer das Wissen von zwei Berufen haben und bereit sein, sein Leben lang dazuzulernen.“ Solche sich wandelnden Anforderungen verändern auch die Berufsbilder und damit auch die Berufsschule. So gibt es seit diesem Schuljahr erstmals eine Klasse für Mechatroniker – bislang mussten die Azubis dieses Berufszweigs nach Bad Kreuznach oder ins Saarland fahren. Neben den Handwerksberufen, bei denen es für die Betriebe zusehends schwieriger wird, Auszubildende zu finden, gibt es aber auch durchaus Berufe mit steigenden Lehrlingszahlen. Besonders erfreulich für die Region ist es beispielsweise, dass die Zahl der Azubis in den edelsteinverarbeitenden Berufen sich in den vergangenen sechs Jahren von 15 auf 28 fast verdoppelt hat. Auch der anhaltende Boom in der Baubranche schlägt sich nieder: Hier ist in der Eingangsklasse die Zahl der Schüler von 21 auf 28 gestiegen, während allerdings im Bereich Heizung, Gas Sanitär – wo ebenfalls händeringend Arbeitskräfte gesucht werden – sich die Zahl der Auszubildenden von 58 auf 47 reduziert hat.
„Gerade im Bereich Heizung und Sanitär ist es schwierig, Angebot und Nachfrage in Übereinklang zu bringen“, weiß Müller. „Denn einerseits hat der Beruf bei vielen ein schlechtes Image, gilt als körperlich belastend und anstrengend, andererseits werden aufgrund der rasanten technischen Entwicklung immer größere Anforderungen an die Auszubildenden gestellt.“ Generell sei das weit verbreitete schlechte Image des Handwerks nach wie vor ein Pro-blem, sind sich Zimmermann und Müller einig. „Dabei sind die Handwerksberufe nicht nur sehr modern und anspruchsvoll geworden, sondern dort wird auch sehr gut verdient, und man hat eine gesicherte Zukunft“, erklärt Müller.

Durch Qualität überzeugen

Mehr noch als andere Schulen sei die Berufsschule nichts Statisches, unterstreicht Zimmermann. „Wir versuchen, durch Qualität zu überzeugen und den Kontakt zu den Betrieben zu halten und zu pflegen.“ Dafür habe man auch für den technischen Bereich – im Wirtschaftszweig gab es das schon länger – einen Sprechtag für Betriebe eingeführt. Wichtig sei der Austausch mit den Betrieben auch gerade bei Problemfällen, wenn es etwa Schwierigkeiten am Ausbildungsplatz gebe oder gar ein Abbruch der Lehre drohe. „Schule ist mehr als Unterricht, da ist oftmals die pädagogische Kompetenz gefragt“, erläutert Zimmermann.
Eine erfreuliche Entwicklung der jüngeren Zeit sei es, dass man seit der Fusion der beiden Berufsschulen in der Vollmersbachstraße den Unterrichtsausfall habe verringern können. „Gerade in den Kernfächern wie Deutsch oder Mathematik ist es jetzt einfacher geworden, Vertretungen zu organisieren“, freut sich Zimmermann.

Nahe Zeitung vom Donnerstag, 31. Januar 2019, Seite 11